Die fünf roten Lichter von Lesbos

Hoffnung und Schicksal für tausende Flüchtlinge


Von Andreas Pierro und Johannes Gärtner


 

Wir, die Rettungsschwimmer Andreas Pierro, Julian Ruess und Johannes Gärtner, haben aktive Hilfe für Flüchtlinge auf der Insel Lesbos geleistet. Im Voraus sammelten wir im Ostalbkreis Spenden, um vor Ort dringend benötigte Hilfsgüter zu beschaffen. Insgesamt arbeiteten wir elf Tage in der Flüchtlingsrettung und als Freiwillige für das Schwizerchrüz, ein privates Hilfsteam des Schweizers Michael Räber. Dort offenbarten sich uns die schweren Schicksale der vielen ankommenden Flüchtlinge und der ganze Irrsinn europäischer Abschottungspolitik.

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Von links nach rechts: Andreas Pierro, Johannes Gärtner und Julian Ruess.

Es ist Dienstag der 29.12.2015, wir landen um 8 Uhr morgens auf dem Flughafen Mytilini auf der Insel Lesbos. Unser Fahrer Nikos wartet mit seinem gelben Flitzer vor der Ankunftshalle und fährt uns in den Norden der Insel, wo sich die Apartments und das Lager des Schwizerchrüz befinden. Die Landschaft lässt uns den Atem stocken, was für eine wunderschöne Insel: Kiefernbäume wachsen in der bergigen Landschaft, Ziegen laufen frei durch die Gegend und versperren ab und zu auch mal die Straße, Flamingos stehen in großen Gruppen in den Salzfeldern, überall wachsen Olivenbäume und in der Ferne sieht man großartige Buchten, die entlang der beeindruckenden Küstenlinie liegen. Genau so habe ich mir Griechenland vorgestellt: Ein wunderschöner Ort um Urlaub zu machen. Doch zum Ausspannen sind wir nicht hier.

Lesbos oder auch Lesvos ist die drittgrößte Insel Griechenlands und die achtgrößte im Mittelmeer. Besonders ist vor allem ihre Lage: Im Norden ist sie nur acht Kilometer, im Osten ca. 12 Kilometer vom türkischen Festland entfernt. Diese Lage hat aus dem Urlaubsparadies ein Flüchtlingsziel gemacht. Täglich kommen vollbeladene Schlauchboote mit Flüchtlingen an. Manchmal sind es hunderte an einem Tag. Von der Türkei aus wagen sie die gefährliche Überfahrt, um auf Lesbos zum ersten Mal europäischen Boden zu betreten.

Die Situation vor Ort

Schon auf der Fahrt vom Flughafen werden wir Zeuge einer Bootslandung. Helfer rennen aufgeregt am Strand auf und ab, helfen den Flüchtlingen aus dem überfüllten Schlauchboot und versorgen sie. Ein Bus des UNHCR wartet bereits auf der Straße, um die Neuangekommenen direkt weiter in das Flüchtlingsregistrationslager Moria zu transportieren.

Im Jahr 2015 erreichten über 500.000 Flüchtlinge die Küsten von Lesbos. Die Schleuser in der Türkei pferchen 40-60 Flüchtlinge auf ein für maximal 15 Personen ausgelegtes Schlauchboot und schicken sie meist bei Nacht in Richtung Griechenland. Einer der Bootsinsassen bekommt davor noch eine fünfminütige Einweisung in den Umgang mit dem Motor. Bei der Überfahrt dienen ihnen die fünf roten Lichter des Flughafens Mytilini im Süden der Insel als Orientierung. Der ca. 5 Kilometer lange Küstenabschnitt unterhalb dieser Lichter wird für die nächsten Nächte unser Arbeitsplatz sein. Das rote Blinken ist auch von der türkischen Seite aus gut zu sehen und ist für viele ein Symbol der Hoffnung: Hoffnung, nicht von der türkischen Küstenwache gefasst zu werden, Hoffnung, dass der veraltete Motor die Strecke auch tatsächlich schafft. Hoffnung auf möglichst wenig Wellen und der Wunsch, Europa sicher zu erreichen.

Die Situation auf dem Meer kann schnell dramatisch werden: Die Boote sind für eine solche Menschenmenge nicht ausgelegt und haben nur einen etwa 60 Zentimeter hohen Außenrand. Bei starkem Wellengang füllt sich das Schlauchboot langsam aber sicher mit Wasser. Regelmäßig erreicht uns während unserer Rettungsschichten die Nachricht, dass ein Motor nicht mehr funktioniert, bzw. dass ein Boot sogar seinen Motor verloren hat. Dieses schreckliche Gefühl, hilflos auf dem Meer zu treiben und verzweifelt auf Rettung zu hoffen, während die Wellen unaufhörlich das Boot mit Wasser füllen, ist unvorstellbar. Die Boote sind bei schlechten Wetterverhältnissen völlig untermotorisiert und brauchen im Kampf gegen die Strömung oftmals vier bis sechs Stunden für eine Strecke, die in gut zwei Stunden absolviert werden könnte.

Im Jahr 2015 starben laut des UNHCR 3771 Menschen an den Folgen einer solchen Überfahrt an den Grenzen Europas. Das ist die offizielle Zahl der bestätigten Toten, bzw. der immer noch vermissten Flüchtlinge. Die Dunkelziffer liegt vermutlich noch viel höher, denn wie viele Boote auf türkischer Seite in Richtung Lesbos losgeschickt werden ist für die Helfer ungewiss. So kommt es, dass Boote sinken und Menschen ertrinken, und wir auf europäischer Seite niemals davon erfahren.

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Geschafft! Ein Flüchtlingsboot erreicht unbeschadet die Küste von Mytilini. Ein Rettungsschwimmer erwartet sie im Wasser.

Vom Touristenparadies zur Flüchtlingsinsel

Unser Fahrer Nikos lebt auf Lesbos und beschreibt uns die Folgen des Flüchtlingsstroms für seine Insel mit zwei Worten: „Lesbos kaputt!“. Was das bedeutet, sehen wir in den nächsten Tagen: Ganz Lesbos gleicht einer einzigen großen Müllhalde. Überall finden sich die Überreste der gelandeten Boote, die Rettungswesten und die Kleidung der Flüchtlinge.

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Folgen der Landung eines einzigen Flüchtlingsbootes: Das Boot wird noch vor Ort zerstochen, um Platz für weitere Landungen zu schaffen. Auf dem linken Stapel befinden sich die Rettungswesten und alles andere was von den etwa 50 Flüchtlingen zurückgelassen wurde.

Der Tourismus, eine der Haupteinnahmequellen der Insel, ist völlig zusammen gebrochen. Laut Nikos wird im Sommer mit 85% weniger Touristen gerechnet. Verständlich, denn kein Europäer möchte in seinem Urlaub das Elend anderer Menschen vor Augen haben und dem Risiko angeschwemmter Leichen am Strand ausgesetzt sein, während er Entspannung und Erholung sucht. Die Folgen für die Inselbewohner sind dramatisch, doch Lesbos passt sich der Situation an: Aus Apartments werden Lagerräume für Helfer, Computerhändler handeln nun mit Fischerhosen, Gummistiefeln und allem, was sonst noch benötigt wird. Souvenirshops haben umgesattelt und verkaufen jetzt Mützen, Schals und Handschuhe an frierende Flüchtlinge.

Unsere Arbeit vor Ort

Es ist der 2. Januar, um neun Uhr ist Abfahrt in Richtung Korakas. Unsere Tagesaufgabe heute ist es, die Strände zu säubern und die kaputten Boote über die Klippen zu bergen. Es ist eiskalt und bei der Hinfahrt fallen die ersten Schneeflocken. Die Schlauchboote, die sich hier schon seit Monaten stapeln, liegen zerschnitten am Strand oder hängen schwer zugänglich in den Felsen. Mit einem unserer Autos und einem langen Seil transportieren wir die Überreste über die steile Klippe. Ein Knochenjob, der sich beim Anblick der völlig verschmutzen Küste und der ständig neu ankommenden Boote, wie ein Tropfen auf den heißen Stein anfühlt.

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Ein seltener Moment des Glücks: Helfer nach der Bergung eines Motors.

Um 16 Uhr erreichen wir wieder unser Apartment. Wir müssen dringend schlafen, denn wir sind in der Nachtschicht der Rettung eingeteilt.

Um ein Uhr nachts laden wir die Kisten im Kleiderlager ein. Nachdem alles verstaut ist, fahren wir in den Süden. Die Nordküste ist während unserer Zeit ausreichend von spanischen Rettungsschwimmern abgedeckt. Kurz hinter dem Stadtkern von Mytilini schauen alle Augen gebannt aufs Meer. Hier befindet sich der 5 Kilometer lange Strandabschnitt, den wir heute Nacht bis weit hinter dem Flughafen von Mytilini betreuen werden. Ist da gerade ein Boot gelandet? Braucht jemand Hilfe? Wir fahren weiter Richtung „Roter Platz“, einem kleinen Kiesplatz abseits der Straße. Auf dem Berg über ihm sind die rot leuchtenden Lampen des Flughafens von Mytilini zu erkennen. „Go to the red lights!“. Schleuser geben den Booten im Süden immer diesen Hinweis mit auf den Weg. Heute Nacht werden mehr Boote als gewöhnlich kommen, da ist sich jeder sicher. Die letzten zwei Nächte hat ein Sturm gewütet, der die Überfahrt unmöglich gemacht hat. Diese Nacht ist es mit -6°C zwar unerträglich kalt, doch das Meer ist relativ ruhig. Die Schleuser müssen den Stau an der türkischen Küste abarbeiten und werden dementsprechend mehr Boote schicken.

Von nun an ist Warten angesagt. Sobald es hell wird, suchen wir mit unseren Ferngläsern das Meer nach Flüchtlingsbooten ab.

Der Informationsaustausch zwischen den Helfern und mit den ankommenden Booten läuft über WhatsApp. Sobald die Flüchtlinge griechisches Gewässer erreicht haben, schicken sie meist ihren aktuellen Standort. Durch diese Information ist es den Rettern am Ufer möglich, den ungefähren Landepunkt des Bootes zu bestimmen. Zaki, ein syrischer Flüchtling und wichtiger Teil des Teams, bekommt teilweise direkt von den Flüchtlingsbooten Hinweise über den allgemeinen Zustand der Bootsinsassen, sowie Angaben über die Anzahl an Kindern, Frauen und Männern auf dem Schlauchboot.

Plötzlich geht es los.  Zaki kommt zu unserem Auto gerannt: „There´s a boat coming!“ Wir rasen mit den zwei Autos zum Standort, den das Boot kurz vor der Landung durchgab. Als wir ankommen, greift jeder sofort nach den Scheinwerfern. Ich erkenne im Scheinwerferlicht völlig durchnässte, zitternde aber frohe Gestalten. Wir gehen auf die Menschenmenge zu, begrüßen sie und reden ihnen gut zu.

Manche sind so durchgefroren, dass sie nicht mehr in der Lage sind ihre Rettungswesten selbst zu öffnen. Überall werden Rettungsdecken verteilt. Die Kisten mit Kleiderspenden werden ausgeladen und an die nassen Kinder und Erwachsene verteilt. Alte oder verletze Flüchtlinge müssen von uns aus den Booten getragen und versorgt werden. So geht das Boot für Boot. Zeitweise sind wir mit einem Boot noch nicht fertig und es kommt schon die Ankündigung eines weiteren Flüchtlingsbootes.

Nach drei weiteren Booten am frühen Morgen sind unsere Kleiderbestände nahezu aufgebraucht und der Wind frischt plötzlich auf. Die Passage zwischen der Türkei und Griechenland ist wolkenverhangen. Wir sehen mit an, wie sich das Meer zu immer höheren Wellen auftürmt. Durch den Wind ruft Zaki wieder: „There is another boat coming!“. Wir schauen gebannt aufs Meer, nichts zu erkennen. Nach weiteren zwei Stunden Wartezeit ist endlich ein kleiner schwarzer Punkt im Fernglas zu sehen. Doch es dauert noch eine Stunde bis das Boot endlich am Ufer ankommt. Sofort sprinten wir zusammen mit spanischen Rettungsschwimmern, die wie wir ehrenamtlich auf Lesbos sind, ins Wasser, um das Boot sicher anzulanden. Noch bevor man das Elend der Leute sehen kann, kann man es riechen: Das Boot ist voll mit Erbrochenem. Im Boot liegen einige Flüchtlinge, die offensichtlich in einem sehr kritischen Zustand sind. Was für eine Hölle muss diese Überfahrt wohl gewesen sein? Wie verzweifelt muss man sein, bei diesen Bedingungen in ein Schlauchboot zu steigen? Wir helfen den Menschen, an Land zu kommen: Zuerst die Kinder, die einzeln an Helfer weitergereicht und versorgt werden. Dann kümmern wir uns um die Frauen und alle, die das Boot nicht mehr aus eigener Kraft verlassen können. Gerade, als ich (Andreas) einen jüngeren Mann an Land begleite und ihn loslasse, passiert es. Ich registriere seine Bewegung noch im Augenwinkel. Er dreht sich um die eigene Achse und fällt anschließend ohne sich abzufangen mit dem Rücken auf den Boden. Ich haste wieder zu ihm. Sein Gesicht ist sehr blass, die Augen sind weit aufgerissen. Sofort renne ich zu Johannes, der früher als Rettungssanitäter gearbeitet hat, und zerre ihn aus dem Wasser. Johannes tastet nach seinem Puls, kontrolliert die Atmung und alarmiert die ehrenamtlichen Ärzte aus Holland. Gemeinsam versorgen sie den am Boden liegenden Mann. Ich versuche den Anderen zu Helfen. Alle Insassen dieses Bootes sind in einem erschreckenden Zustand: Völlig durchnässt, unterkühlt und mit den Kräften am Ende. Ich sehe ein kleines Kind, es braucht dringend Socken und eine neue Hose. Während ich zu den Kleiderboxen laufe, komme ich an dem Mann vorbei. Sein Gesicht hat mittlerweile eine ganz unmenschliche Farbe. Mit Socken und einer kleinen Hose aus der Kiste renne ich wieder zu dem Kind. Ich ziehe ihm die nassen Schuhe aus und stülpe zwei Paar trockene Socken über den kalten Kinderfuß. Da wir leider keine Schuhe zum Wechseln haben können wir die Füße der Kinder gegen die Kälte nur notdürftig in Rettungsdecken wickeln, bevor sie die nassen Schuhe wieder anziehen müssen. Ich komme nochmal an ihm vorbei, ihm, dem es so schlecht geht. Mittlerweile zeigt er keine Reaktionen mehr. Er wird von einem spanischen Rettungsschwimmer, der Ärztin und Johannes in das Auto der Hilfsorganisation getragen. Ich atme einmal tief durch, muss weiter, weiter zu den Kisten und Kleidung für eine Mutter suchen. Als ich zurücklaufe hat der Rettungsschwimmer die Kleider des Mannes mit einem Messer aufgeschnitten, sodass der Oberkörper freiliegt. Ich sehe, wie er mit zwei Fingern vom Brustkorb oben nach unten fährt. Mir ist klar, was hier passiert. Ich wende mich wieder ab, will das nicht sehen, dränge mich weiter zu der Mutter mit der nassen Jacke. Sie ist, wie alle anderen ankommenden Flüchtlinge sehr dankbar und umarmt mich. Als ich am Auto vorbeikomme, ist die Reanimation des Flüchtlings in vollem Gange. Sein Bruder steht völlig verzweifelt neben dem regungslosen Körper. Wir packen die Kisten zusammen. Der Rettungswagenwagen ist schon lange verständigt, doch da es leider auf Lesbos nicht viele gibt, dauert es ewig bis er eintrifft und mit Blaulicht in Richtung Krankenhaus fährt. Wir sind hier fertig und fahren zurück zum Roten Platz.

Dort angekommen ist die Stimmung gedrückt, alle sind geschockt. Viele der Helfer weinen.  Als ob es heute noch nicht genug schlechte Nachrichten gegeben hätte, meldet Zaki erneut ein Boot, das bei diesem furchtbaren Wetter auch noch den Motor verloren haben soll. Wir greifen zum Fernglas.

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Bange Minuten an der Küste von Mytilini: Helfer beobachten ein Flüchtlingsboot in Seenot.

Und tatsächlich, ein schwarzer Punkt mit zwei roten Reihen Menschen in Rettungswesten ist am Horizont erkennbar. Wie ein Spielball wird das Boot von den Wellen von rechts nach links geworfen. Bei den Freiwilligen herrscht Stille. Wir haben die Küstenwache alarmiert, doch die hat, wie sie uns mitteilt: „…einen Motorschaden!“. Der kleine Punkt wird langsam aber sicher in Richtung der griechischen Insel getrieben. Plötzlich meldet sich Zaki zu Wort: „Die Besatzung hat mitgeteilt, dass immer mehr Wasser in das kleine Schlauchboot läuft!“ Durch das Fernglas ist ein bedrohlicher Tiefgang des Bootes zu erkennen. Mir schaudert, ich fürchte mich vor dem Moment, wenn sich die zwei Reihen auf dem Boot auflösen und rote Punkte überall verteilt im Meer treiben werden. Endlich rast die Küstenwache von links heran. Gebannt verfolgen wir den Weg zum Flüchtlingsboot. Doch was ist das? Die Küstenwache fährt einfach am Schlauchboot vorbei. Wir können es nicht fassen! Es macht das Gerücht die Runde, dass ein weiteres Boot in Seenot geraten ist.

Nach einer quälend langen Stunde sind die Flüchtlinge schon sehr nah an der Küste. Mir gehen die Bilder vom letzten Boot durch den Kopf, nur war dieses noch länger unterwegs. Gibt es dort noch mehr Menschen, denen es schlecht geht? Sind eventuell Tote an Bord? Als wir ankommen, ist das Schlauchboot nur noch wenige Meter vom Ufer entfernt. Die Rettungsschwimmer springen ins Wasser und ziehen den Bug ans Ufer heran. Ich beeile mich, um die Kinder entgegen zu nehmen. Ein Mann gibt mir sofort eines auf den Arm. Ich trage es ans Ufer und übergebe es dort einem Helfer. Schnell wieder zurück ans hintere Ende und das nächste Kind an Land bringen. Als ich mit ernstem Gesicht zurückwate, steht ein kleiner Junge auf dem Gummirand des Bootes. Er lächelt mir entgegen, die ganze Anspannung löst sich und ich lächele zurück. Als ich ihn vom Rand lupfe ruft er laut „Yeah!“, wirft seine Hände um meinen Hals und drückt sich ganz fest an mich. Was für ein cooler Junge, denk ich: Hat eine lange heftige Überfahrt hinter sich und strahlt über beide Ohren. Ich will diesen Kleinen nicht irgendjemand geben, zum Glück sehe ich Johannes in unmittelbarer Nähe. Ich rufe ihn und drücke ihm den Kleinen in die Arme. Wieder ruft er „Yeah!“ und umarmt Johannes.

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Nachdem die Flüchtlinge das Boot sicher verlassen haben, werden sie mit trockenen Kleidern, Trinken und Decken versorgt

Als es etwas leerer wird erkenne ich, dass sich viele erbrochen haben. Und diese mit Wasser vermischte Pampe bis zur Hälfte im inneren des Schlauchbootes steht. Die Bilder sind zu viel für mich, mir wird schlecht. Ich versuche mich zusammen zu reißen. Als endlich alle an Land sind, verteilen wir Rettungsdecken und versuchen die Menschen zu beruhigen. Es war für heute das letzte Boot. Um 16 Uhr fallen wir schließlich erschöpft in unsere Betten.

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Geschafft: Das Team nach einer 13 Stunden Schicht mit sechs Booten und vielen extremen Situationen.

Insgesamt arbeiten wir sechs Mal in der Nachtschicht und nehmen über 600 Flüchtlinge in Empfang.

Tagsüber arbeiteten wir an verschiedenen Projekten: Neben dem Säubern der Strände und Vorbereiten der Kleiderkisten für die Nachschicht, entladen wir zwei LKWs mit Unmengen an Kleiderspenden, die wir sortieren, ordnen und in verschiedene Transitlager verteilen. Schlaf ist auf Lesbos absolute Mangelware. Es gibt zu viel zu tun.

Europas Willkommenskultur mit Stacheldraht

Das große Registrierungscamp im Süden der Insel heißt Moria. Jeder Flüchtling, der es an die Küste von Lesbos geschafft hat, wird in diesem Camp zum ersten Mal registriert. Er muss seinen Fingerabdruck abgeben und erhält ein Schreiben, mit dem er sich frei in Griechenland bewegen und die Fähre in Richtung Athen benutzen kann. Es ist Silvester: Ich (Johannes) mache mich um 23 Uhr zusammen mit drei Helferinnen des Schwizerchrüz auf, um den Freiwilligen in Moria in der Nachtschicht auszuhelfen. Pünktlich zum Jahreswechsel erreichen wir das Camp und sind erstmal schockiert. Drei Reihen Stacheldraht und hohe Mauern umgeben den Hauptkern des Registrierungsbereichs. Überall stehen kleine Wurfzelte, dazwischen Unmengen an Müll. Ich trage fünf Schichten Kleidung, denn die Nacht ist eiskalt.

Alles, absolut alles im Camp wird von Ehrenamtlichen aus der ganzen Welt organisiert und verwaltet. Einzig der Registrierungsablauf wird von Beamten und Polizisten aus Griechenland betreut. Das Flüchtlingshilfswerk UNHCR hat hier zwar zahlreiche Zelte errichtet, betreut oder gar beheizt werden sie jedoch nicht. Umso beeindruckender, was die Freiwilligen seither rund um das Stacheldrahtgelände erschaffen haben: Flüchtlinge aus den ankommenden Bussen werden im Kleiderzelt mit trockener Kleidung versorgt, erhalten warme Getränke im Teezelt und eine Mahlzeit im Essenszelt. Danach werden sie in die verschiedenen Lagerbereiche und in große Schlafzelte aufgeteilt.

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Stacheldraht statt Hilfe in Not: Das ehemalige Gefängnis Moria ist heute ein Flüchtlingslager.
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Menschenunwürdige Unterbringung: Flüchtlinge schlafen im Winter in Zelten oder müssen sogar im Freien übernachten.
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5 Uhr morgens: Schlange vor dem Registrationsbereich, Helfer versorgen die Flüchtlinge mit Handschuhen und Tee.
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Der Afghan Hill in Moria: Flüchtlinge wärmen sich am Feuer.

Ursprünglich war das Lager, nach Angaben des Nachtschichtleiters, für 750 Menschen ausgelegt. Zeitweise befinden sich jedoch zwischen 3.000 und 5.000 Flüchtlinge im Lager. Wer keinen Platz in den großen Hilfszelten bekommt, schläft in einer der improvisierten Zeltstädten, die aus vielen kleinen gespendeten Zelten bestehen. Sind diese auch überfüllt, bleibt den Hilfesuchenden keine andere Möglichkeit, als draußen mit nur einer Decke in der eiskalten Winternacht auf dem Steinboden zu schlafen. Ein Anblick der mich wütend macht. Zum ersten mal in meinem Leben schäme ich mich Europäer zu sein.

Da es zu wenig warme Kleidung gibt, machen die Flüchtlinge mit allem was sie finden können, Feuer und wärmen sich daran. Viele befinden sich schon seit Tagen im Camp und warten täglich in der Kälte, teilweise in Pullover und Jeans, auf ihre Registrierung. Die Verhältnisse in Moria sind menschenunwürdig, eine Schande für Europa. Gäbe es nicht so viele engagierte Freiwillige, die sich darum kümmern, dass alle mit dem Nötigsten versorgt werden, würde hier auf Lesbos nichts funktionieren und es gäbe deutlich mehr Tote. Finanziert wird die Hilfe durch Spenden. Auch wir haben vor unserer Abreise im Ostalbkreis einen Spendenaufruf für Lesbos gestartet. Mit den 4285 Euro konnten wir vor Ort 2.000 Paar dringend benötigter Handschuhe und 1000 Unterhosen organisieren.

Ich habe im Camp viele wertvolle Gespräche mit Flüchtlingen aus verschiedenen Ländern geführt. Die meisten haben für uns Unvorstellbares erlebt. Es handelt sich um Leute wie du und ich, die in ihrer Not alles zurücklassen und sich aus Verzweiflung an Europa und an uns wenden. An der Küste von Mytilini habe ich viele Flüchtlinge gesehen, die den Boden küssen, sich umarmen und Freudenschreie ausstoßen. Ich frage mich, wie es sich wohl anfühlt, nach der lebensgefährlichen Überfahrt sicher Europa zu erreichen, um dann an einem so elenden Ort wie Moria zu landen? Es wird dringend Zeit, dass die griechische Regierung, aber auch die EU hier etwas unternimmt.

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Eingesperrt in Moria: Schutzhaft für alleinreisende Minderjährige.

Das Sterben geht weiter – Safe Passage now

04.01.2016: Wieder einmal stehen wir nachts an der Küste. Das Wetter ist stürmisch, die Wellen sind sehr hoch und es regnet stark. Die Windböen, die über das Meer ziehen, lassen unser Auto wackeln. Unvorstellbar bei diesen Bedingungen auf hoher See in einem Schlauchboot auszuharren. Wir warten bis 7 Uhr morgens: „No boats will come today“, teilt uns Zaki mit. Wir verlassen den Küstenabschnitt und fahren zurück in den Norden. Auf dem Weg diskutieren wir über die Schlepper und dass es doch „vernünftig“ sei, dass heute Nacht keine Boote geschickt wurden. Als wir zum Abendessen wieder aufstehen, erreicht uns die Nachricht: Heute Nacht wurden doch Boote zu den roten Lichtern Mytilinis entsandt. Insgesamt drei mit 21, 22 und 56 Insassen. Keines dieser Boote hat die griechische Insel je erreicht. Vermutlich sind alle tot, weil sie ihr Leben aufs Spiel setzten, um für sich und ihre Kinder eine Perspektive in Europa zu finden.

Auch 2016 geht das sinnlose Sterben vor Europas Außengrenzen weiter. Sinnlos vor allem, wenn man neben dem Schlauchboot in Not eine riesige Bluestar Fähre sieht, mit der jeder Europäer ohne Risiko, für gerade mal 5€ von der Türkei nach Griechenland fahren kann. Die Insassen der Schlauchboote dagegen bezahlen über 1000€ an Schlepperbanden für eine lebensgefährliche Überfahrt, bei der sie auf engstem Raum zusammengepfercht werden. Die Flüchtlinge haben einen berechtigten Grund für ihre Flucht und das Grundrecht, Asyl zu beantragen. Allerdings haben sie keine Möglichkeit, davon auf legalem Wege gebrauch zu machen. Sie dürfen keine Flugzeuge oder Fähren betreten und sind gezwungen, ihr Leben und das Leben ihrer Kinder sinnlos aufs Spiel zu setzen.

3771 Tote allein im Jahr 2015! Diese Zahl macht mich sprachlos und sollte jeden Europäer sprachlos machen. In was für einem Europa leben wir, in dem das Leben von Nichteuropäern als Kollateralschaden verkraftet werden kann, während man für Terroropfer in Paris sein Mitgefühl ausdrückt? Sind die Hilfesuchenden an Europas Grenzen weniger wert als andere Menschen? Warum wird um sie nicht getrauert? Ihr Tod wird bewusst in Kauf genommen. Sie sterben, weil weil der Friedensnobelpreisträger Europa wegschaut und weiterhin abschottet. Wer einmal auf Lesbos geholfen hat, der hat die Dringlichkeit einer „Safe Passage“, einer sicheren Einreise an Europas Außengrenzen, verstanden. Der Winter ist da und der Zustrom an Flüchtlingen geht weiter. Sie fliehen verzweifelt vor Krieg und Not und lassen sich weder von der türkischen Küstenwache, noch vom Stacheldraht an den innereuropäischen Grenzen aufhalten. In den zwei Wochen zu Beginn des Jahres kamen 13.000 auf der Insel Lesbos an. Das Wetter wird schlimmer, die Temperaturen kälter, die Wellen höher und die Überfahrt wird noch gefährlicher. Die einzigen, die davon profitieren sind die mafiösen Schlepperbanden, die immer neue, noch gefährlichere Wege finden und so ein Milliardengeschäft machen. Es wird Zeit, dass sich die Politik des gesunden Menschenverstands bedient.

Auf Lesbos wird die Situation für Schutzsuchende immer dramatischer. Anstelle von Scheinlösungen bedarf es echter europäischer Solidarität: Flüchtlingen muss die legale Einreise und Weiterreise innerhalb Europas ermöglicht werden und EU-Mitgliedsstaaten müssen Schutzsuchende menschenwürdig aufnehmen. Nur so können das Leid und Sterben an Europas Außengrenzen und die Elendsmärsche über die Balkanroute gestoppt werden. Auch die Bevölkerung auf Lesbos könnte aufatmen: Innerhalb kurzer Zeit würden die Touristen auf diese wunderschöne Insel zurückkehren.

 


 

Quellen:

Johannes Gärtner, Andreas Pierro

https://fluechtlingelesbos.wordpress.com/

https://schwizerchruez.herokuapp.com/


 Wenn sie die Situation in Moria verbessern wollen, können sie spenden:

www.betterdaysformoria.com

Bank: PostFinace

Stauffacherstrasse 102

8004 Zürich

IBAN: CH26 0900 0000 6179 2576 2

BIC: POFICHBEXXX


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Helfen auch Sie – alles beginnt mit dem ersten Schritt!


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